Der Nebel des Todes zeigt seine Magie


In der heutigen Ausgabe von "Amarlias Auge" ist es an der Zeit, der Magie dieser Welt weiter auf den Grund zu gehen. Im zweiten Kapitel des Debütromans "Geheimnisse der Vorzeit" wird Peradan sich an einen seiner Ruheorte zurückziehen und dem Leser zum ersten Mal einen Einblick in den Nebel des Todes geben.

Zuerst möchte ich aber noch einmal auf einige wichtige Informationen aus der Einführung von Amarlias Auge hinweisen:

Es ist wichtig, hervorzuheben, dass die vorgestellten Texte nicht zwingend mit der finalen Version übereinstimmen werden. Die Kapitel, die unter "Amarlias Auge" vorgestellt werden, sind allerdings schon mehrfach überarbeitet, sodass sie einen sehr guten Eindruck vermitteln können und auf diese Weise hoffentlich auch die Vorfreude auf den eigentlichen Roman steigern werden.

Ich spreche hier also von Romanausschnitten, von denen ich persönlich nahezu vollständig überzeugt bin und auch nach dem Durchgehen von Testlesern und Lektoren keine dramatischen Änderungen mehr erwarte.

So viel zu den grundlegenden Dingen und zurück zum Nebel des Todes


Als der Nebel vor mehr als vierhundert Jahren überall in Amarlia aus dem Boden brach, wurde die Welt, wie man sie kannte, aus ihren Fugen gerissen. Es ist eines der bedeutsamsten Vorkommnisse in der Geschichte und es gibt unzählige Legenden, die sich darum ranken. Ganze Landstriche wurden von diesem tödlichen Ereignis unbewohnbar gemacht und nicht wenige mussten die Ankunft des Nebels mit ihrem Leben bezahlen. Die Bedeutung des Nebels lässt sich aber heute vor allem auch daran erkennen, dass seine Ankunft im Nachhinein eine neue Zeitrechnung eingeläutet hat - die Jahre "Nach dem Nebel des Todes", kurz NNT.

Während Peradan schon seit seiner Kindheit einen besonderen Bezug zu dieser magischen Präsenz hatte, meiden die meisten Bewohner Amarlias den Nebel so gut sie können. Am Ende ist dies jedoch ein mehr als schwieriges Unterfangen, denn es gibt nicht viele Orte in Amarlia, an denen man nicht zumindest in der Ferne bereits einen Teil des Nebels erahnen kann.

Ich freue mich darüber, euch mit dieser Kapitelvorschau die ersten Eindrücke vom Nebel des Todes vorstellen zu können und hoffe, dass es so manchen von euch voller Vorfreude auf den kommenden Roman warten lässt.

Bis zum nächsten Mal - in Amarlia :)

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Peradan und der Nebel des Todes


“Ma..agus”, grüßte ihn einer der Novizen mit brüchiger Stimme, als Peradan die Treppen zum Wehrgang hinaufstieg und den östlichen Ausguck erreichte. Es folgte eine respektvolle Verbeugung, bevor sich der Jüngling auch schon wieder umdrehte und in die Ferne blickte. Sein Körper bebte regelrecht, doch er schien keine Anstalten zu machen, sich noch einmal umzudrehen.

Peradan hatte im Gesicht des Novizen dessen Furcht ablesen können, doch nach all den Jahren hatte er sich mittlerweile daran gewöhnt, gemieden zu werden. Weshalb sollte er sich auch um die Meinung irgendwelcher Dilettanten und Heuchler scheren? Er wusste, dass er zu mehr berufen war, als einfach nur den beschränkten Zielen des Ordens nachzugehen, und eines Tages würde er herausfinden, was genau dies war.

Er verfolgte den wachsamen Blick des jungen Ordensmitglieds und konnte sich ein verächtliches Schnaufen nicht verkneifen. Zweihundert Jahre lag der letzte Magierkrieg nun schon zurück und noch immer bestand man darauf, den Novizen diesen unnötigen Wachdienst aufzudrücken. So oft schon hatte er diese Regelung angefochten, nur um an irgendwelchen Regeln zu scheitern. “Es ist Tradition”, konnte er die Stimme der Ältesten regelrecht in seinem Kopf hören.

Peradan ließ seinen Blick schweifen und betrachtete die karge Wüstenlandschaft, die sich außerhalb der Festung erstreckte. Es war ein trostloses Bild. In der Ferne konnte man zwar gerade so noch einige Reisende auf der Weltenstraße erahnen, doch die unmittelbare Umgebung bestand fast überwiegend nur aus Sand und Fels. “Was sie in dieser Zeit nicht alles lernen könnten”, dachte er und schüttelte den Kopf. Doch heute war nicht der Tag, um diesen Kampf erneut aufzunehmen.

Ruhigen Schrittes ging Peradan zur nördlichen Seite des Wehrgangs und erreichte sein Ziel. Während der Großteil des Ordens nur selten diesen Ausguck aufsuchte, hatte das Schauspiel, das sich vor seinen Augen abspielte, für ihn noch immer nicht seinen Reiz verloren. Ganz im Gegenteil – fast fünfundzwanzig Jahre war es nun schon her, dass man ihn als Kleinkind am Rande des Nebels gefunden hatte, doch auch heute noch versuchte er, so oft er konnte, diesen Teil der Festung aufzusuchen. Es war für ihn unverständlich, wie man bei diesem Anblick nicht mehr als Schrecken und Zerstörung sehen konnte.

Peradan setzte sich auf eine kleine Holzbank und schaute direkt in den Nebel des Todes. In etwa fünfzig Metern Entfernung erstreckte sich die dunkle Nebeldecke vor ihm und nahm sein ganzes Blickfeld ein. Glühende Funken sprühten daraus hervor und immer wieder zuckten Blitze auf, die das dunkle Schauspiel in ein helles Grau tauchten. Wenn er sich konzentrierte, konnte er sogar bis hierhin hören, wie sich Meeresrauschen mit dem Getöse eines Sturms vermischte. Peradan war fasziniert von dieser einzigartigen Kombination der Elemente. Die Magie dieses Schauspiels nahm einmal mehr seine ganze Gegenwart ein und reinigte sein Innerstes. Mit jeder Sekunde verflog ein Teil seiner Wut und er entspannte sich.

“Siebenundfünfzig Sekunden”, sagte er schließlich leise vor sich hin und starrte auf die Narben auf seinen Unterarmen. “Siebenundfünfzig Sekunden”. Niemand vom Orden hatte es jemals länger an der tödlichen Grenze ausgehalten. Im Vergleich zu den anderen war es für ihn jedoch niemals eine Mutprobe gewesen. Vielmehr hatte er immer häufiger das Gefühl, als würde etwas nach ihm rufen, ihn regelrecht dazu auffordern, den Nebel zu betreten. Doch egal was er auch versuchte, er konnte das Gefühl nicht greifen, konnte nicht mit Sicherheit sagen, was es bedeuten sollte.